Animal-Aided Design

In unseren Städten leben viele Wildtiere. Die Gründe für den Reichtum an Wildtieren sind vielfältig: Städte bieten Wildtieren ein großes Nahrungsangebot, ein warmes Klima sowie durch klein strukturierte und vielfältig begrünte Flächen geeignete Lebensstätten. Neben den typischen Stadtarten wie der Amsel oder dem Igel gibt es viele weitere Arten, die in der Stadt leben können, wenn die notwendigen Ressourcen für Nachkommen und erwachsene Tiere vorhanden sind.

Für die Alltags-Naturerfahrung der Stadtbewohner*innen spielt die Stadtnatur eine zentrale Rolle. Hier kann eine Naturerfahrung im direkten Wohnumfeld gemacht werden. Das Vorkommen von wilden Tieren ist dabei ein wichtiger Teil dieser Erfahrung. In dem Projekt Baysics untersuchen wir, welche Tiere die Menschen in der Stadt gerne oder nicht so gerne in ihrem Wohnumfeld haben möchten.

Die Grün- und Freiräume, die dem Menschen als Orte der Erholung und Geselligkeit dienen und die der Aufenthaltsort der Wildtiere sind, werden im Moment jedoch aufgrund der zunehmenden baulichen Verdichtung immer knapper. Viele Städte suchen daher nach Strategien, dem Verlust der Stadtnatur entgegen zu wirken und die städtische grüne Infrastruktur zu sichern und zu entwickeln. Dies wird ohne eine aktive Einbindung von Naturschutz in städtische Planungsprozesse nicht gelingen.

Die Methode Animal-Aided Design

2015 haben wir die Methode Animal-Aided Design (AAD) entwickelt, die eine integrierte Betrachtung von Wohnungsbau und Naturschutz ermöglicht und diese häufig als konträr betrachteten Belange verbindet (Hauck & Weisser 2015). AAD ist eine Planungs- und Entwurfsmethode, die als Schnittstelle zwischen den sehr unterschiedlichen Fachdisziplinen der Stadtplanung, von Architektur über Verkehrsplanung, allgemeiner Stadtplanung bis hin zur Landschaftsarchitektur, der Ökologie und dem Naturschutz dienen soll. Ziel des kooperativen Planungsprozesses ist es, das Vorkommen von Tieren in urbanen Freiräumen explizit zu planen und in deren Gestaltung einfließen zu lassen.

Am Anfang der Planung steht somit die Frage „Welche Tiere sollen in dem Freiraum vorkommen?“ Die Auswahl der Tierarten, die später am Ort leben sollen, soll dabei so früh wie möglich erfolgen und wie andere programmatische Planungsentscheidungen am Anfang der Entwurfsplanung stehen (Apfelbeck et al. 2019). Es geht nicht in erster Linie darum, seltene Arten zu schützen, die bereits in einem Planungsgebiet vorkommen, sondern darum, eine nachvollziehbare Auswahl zu treffen, welche Arten aktiv gefördert werden sollen. Dieser Auswahlprozess ermöglicht es, die verschiedenen Akteure vor Ort miteinzubeziehen und schon vor der Ansiedlung der Zielarten Mitbestimmung zu ermöglichen. Die landschaftsarchitektonische oder städtebauliche Entwurfsplanung bietet geeignete Maßstabsebenen, um einen Maßnahmenkatalog zu entwickeln, der die Bedürfnisse der jeweiligen Zielarten abdeckt.

AAD stellt die Ansprüche einzelner Arten in den Vordergrund und zielt auf die Integration dieser Bedürfnisse in die landschaftsarchitektonische und städtebauliche Entwurfsplanung, um damit neue urbane Naturbilder und -erfahrungen zu ermöglichen. Anders als bei „ungestalteter” Natur, wie etwa dem Konzept der „urbanen Wildnis“ , wird im Rahmen von AAD, wie bei jeder Gartengestaltung und in der Landschaftsarchitektur, ein “Naturbild” neu entworfen oder ein bereits bestehendes “rekonstruiert” und den jeweiligen Betrachter*innen und Nutzer*innen mit dem Zweck des ästhetischen Erlebens angetragen. AAD betrachtet Wildtiere in einem gestalterischen Kontext, ähnlich wie man es mit Pflanzen schon sehr lange in der Gartengestaltung und Landschaftsarchitektur macht. AAD stellt als Methode das Wissen und das Handwerkszeug für die “Gestaltung mit Tieren” zur Verfügung. Der artspezifische Ansatz ermöglicht dabei eine große gestalterische Freiheit und eröffnet die Möglichkeit, Stakeholder in die Auswahl der Arten und die Gestaltung der Habitatstrukturen für die gewählten Arten einzubeziehen. Zudem bietet er die Möglichkeit, flexibel auf die räumlichen und funktionalen Potentiale und Hindernisse urbaner Freiräume einzugehen. Dabei beschränkt sich AAD nicht auf die Erfüllung einzelner Bedingungen wie dem Anbringen von Tierbehausungen (wie Nistkästen oder Igelhäuser) oder der Bereitstellung von Futterplätzen. Solche Einzelmaßnahmen, wie das Aufhängen von Nistkästen oder Bienenhotels führen dazu, dass nur ein Teil der Bedürfnisse der Zielarten erfüllt wird. Essenzielle andere Faktoren im Lebenszyklus der Tiere werden nicht beachtet und dem Zufall überlassen. Darum ist es wichtig, dass die mit Hilfe von AAD entwickelte Maßnahmen und Bausteine in einem kooperativen Entwurfsverfahren zum integrierten Teil eines Gesamtentwurfes werden. Wie die verschiedenen Entwürfe mit AAD zeigen, lohnt es sich, die speziellen Bedürfnisse der Tiere in kritische Standortfaktoren zu übersetzen, so dass ihre Habitatansprüche (Nistplatz, Nahrung, Paarungsort) als Ausgangspunkt für gestalterische Überlegungen zu nehmen – sie können einen Entwurf inspirieren.

Das folgende Schema zeigt den Ablauf der Planung mit Animal-Aided Design: PDF

Animal-Aided Design ist ein Beispiel für „Wildlife-inclusive urban design“ (Apfelbeck et al. 2020) und zeigt wie andere internationale Ansätze auf, wie Wildtiere in die städtische Planung einbezogen werden können.

Animal-Aided Design in der Praxis

Wohnungsunternehmen tragen wesentlich zur Gestaltung von Städten und ihren Freiräumen bei. In einer Umfrage unter Wohnungsunternehmen in Deutschland fanden wir, dass  Freiräume im städtischen Wohnumfeld vor allem die Wohnqualität der Bewohner steigern, sowie sicher und sauber sein sollen (Jakoby et al. 2019). Allgemein stehen die Unternehmen wildtierfördernden Maßnahmen positiv gegenüber, wenn sie dadurch die Wohnqualität und das Image des Unternehmens verbessern können. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen auf, dass bei Wohnungsunternehmen eine Bereitschaft für die Förderung von Wildtieren im Wohnumfeld besteht. Animal-Aided Design ist eine Methode, die eine solche Förderung von Wildtieren erlaubt.

In einem Forschungsprojekt, gefördert vom Bundesamt für Naturschutz, konnten wir in Zusammenarbeit mit mehreren Wohnungsbauunternehmen testen, wie die Bedürfnisse von drei Zielarten, dem Igel, dem Haussperling (Spatz) und dem Admiral bei konkreten Projekte Lösungen berücksichtigt werden können (Hauck & Weisser 2019). Dabei handelte es sich um Neubauprojekte, Sanierungen oder Umstellungen in der Pflege. Bei allen Beispielprojekten zeigte sich, dass die Erfüllung der kritischen Standortfaktoren für die Zielarten durch Anpassungen bei sowieso geplanten Maßnahmen möglich wäre. Die notwendigen Anpassungen waren teilweise sehr klein und somit potenziell nicht sehr teuer. Es zeigte sich, dass es für die Akzeptanz von vorgeschlagenen AAD-Maßnahmen wichtig war, wenn es Synergien zwischen den Planungszielen im Bauvorhaben und den AAD-Maßnahmen gibt, im Sinne einer multifunktionalen Nutzung der geplanten Elemente, die zudem Kosten spart. Um diese Synergien nutzen zu können, ist es wichtig, dass Planung und Ausführung von AAD-Maßnahmen zeitlich gut in die Planungsabläufe integriert werden. Dabei müssen auch Herausforderungen bei der Integration der Tierbedürfnisse und einige technische Aspekte (wie etwa Wasserstellen) sorgfältig planerisch bearbeitet werden, damit die Umsetzung gelingt (Hauck & Weisser 2019).

 

Titelbild Broschüre Animal-Aided Design

Animal-Aided Design lässt sich in übergeordnete Strategien zur Grünplanung bzw. Vernetzungsstrategien im Naturschutz einbinden. Eine Beispielsanwendung fand in Ingolstadt im Rahmen eines Studentenprojektes statt (Bischer et al. 2018).

Das erste Bauprojekt, in dem die Methode Animal-Aided Design angewandt wurde, ist ein klassisches Nachverdichtungsprojekt in der Stadt München. Das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz förderte im Rahmen des Zentrums Stadtnatur und Klimaanpassung die Planung für die Zielarten Igel, Haussperling, Grünspecht und Zwergfledermaus. Durch enge Zusammenarbeit mit dem Bauträger, der GEWOFAG Wohnen GmbH, den Architekten von bogevischs buero, dem Landschaftsarchitekturbüro michellerundschalk und dem Landesbund für Vogelschutz (LBV) wurden sowohl der Hochbau als auch die Freiraumplanung für Mensch und Tier optimiert. Fertigstellung ist 2020 und seitdem wird ein Monitoring durchgeführt, um zu sehen, ob die Zielarten die Planung annehmen.

 

Kommerziell erhältliche Fassadenquartiere für Spatzen (oben) und Fledermäuse (unten) wurden so in die Fassade integriert, dass sie zur Gesamtgestaltung des Gebäudes passen und gleichzeitig den Ansprüchen der Arten genügen. Mögliche Typische Konflikte wurden vermieden, indem z.B. die Quartiere nicht oberhalb von Fenstern angebracht wurden.

Die Maßnahme für die Zielarten umfassen u.a. eine Anpassung der Pflanzplanung, die Schaffung von Wohnraum für Spatzen und Zwergfledermäuse in der Fassade in Abstimmung mit den Architekten, eine „Igelschublade“ als Tagesquartier und Überwinterungsmöglichkeit, eine „Spechtlaterne“ als Brutplatz für Grünspecht und andere Vogelarten sowie die Vermeidung von baulichen Fallen wie etwa Kellerschächte, aus denen Tiere nicht entkommen können.

 

Flachdächer sind lebensfeindlich für Tiere, selbst wenn sie begrünt ist. Klassische Dachbegrünungen bieten nur einen Bodenaufbau von wenigen Zentimetern, so dass der Boden im Sommer sehr heiß und sehr trocken ist. Viele Insekten leben aber als Larve oder Puppe im Boden und können daher auf einem Flachdach nicht vorkommen, selbst wenn dort Futterpflanzen stehen würden. In einem Experiment wird daher geprüft, ob sich die Eignung von Flachdächern mit 10cm Substrattiefe für Tiere verbessern lässt, wenn einfache Maßnahmen zur Erhöhung der Bodenfeuchte getroffen werden (Abbildung oben). Diese Maßnahmen umfassen das Anhäufeln von Substrat auf einer Seite, das Auflegen von Totholz oder Steinen, oder das Einbringen von Kapillarsperren in das Substrat (umgedrehte Blumenuntersetzer). Zusätzlich wird Sand in einige Flächen eingebracht, um sandlebenden Arten einen Lebensraum zu bieten. Bei allen diesen Maßnahmen bleiben die statischen Eigenschaften des Daches unverändert, d.h. das Dach musste nicht verstärkt werden und es entstanden keine zusätzlichen Kosten. Die Abbildung unten zeigt den Versuchsaufbau auf einem der Dächer vor der Ansaat. Man sieht bereits deutlich einen Effekt der Anhäufelung von Substrat – die angewehten Pflanzen wachsen deutlich höher als auf der Seite, wo die Substratdicke erniedrigt wurde.

Bundesweit haben wir im Moment Kontakt zu einer Reihe von Wohnungsunternehmen, um die praktische Anwendung der Methode Animal-Aided Design weiter zu erforschen. 

Literatur

Apfelbeck, B., Jakoby, C., Hanusch, M., Steffani, E.B., Hauck, T.E. & Weisser, W.W. (2019) A conceptual framework for choosing target species for wildlife-inclusive urban design. Sustainability, 11, 6972.

Apfelbeck, B., Snep, R.P.H., Hauck, T.E., Ferguson, J., Holy, M., Jakoby, C., Scott MacIvor, J., Schär, L., Taylor, M. & Weisser, W.W. (2020) Designing wildlife-inclusive cities that support human-animal co-existence. Landscape and Urban Planning, 200, 103817.

Bischer, R., Hauck, T.E., Mühlbauer, M., Piecha, J., Reischl, A., Scherling, A., Weisser, W.W. (2018) INGOLSTADTNATUR: Animal-Aided Design für den Stadtpark Donau in Ingolstadt – Entwürfe von Studentinnen und Studenten der Universität Kassel und der Technischen Universität München. Die Broschüre resultiert aus dem Forschungsprojekt Anwendung der Methode Animal-Aided Design (AAD) (TLK01U-69361), gefördert vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz im Rahmen des Zentrums Stadtnatur und Klimaanpassung.

Jakoby, C., Rogers, R., Apfelbeck, B., Hauck, T. & Weisser, W.W. (2019) Wildtiere im Wohnumfeld: wie werden sie von Wohnungsunternehmen bewertet?  Natur und Landschaft, 5, 181-187.

Hauck, T. & Weisser, W.W. (2015) AAD Animal-Aided Design. ISBN 978-3-00-047519-1. Die Broschüre resultierte aus dem Forschungsprojekt „Animal-Aided Design (AAD) - Tiergerechte Gestaltung von Freiräumen im Rahmen der Klimaanpassung“ (TUF01UF-65043), gefördert vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz im Rahmen des Zentrums Stadtnatur und Klimaanpassung. 

Hauck, T. & Weisser, W.W. (Herausgeber, 2019) Animal-Aided Design im Wohnumfeld. Einbeziehung der Bedürfnisse von Tierarten in die Planung und Gestaltung städtischer Freiräume. Die Broschüre enstand im Rahmen der vom Bundesamt für Naturschutz finanzierten Vorunter suchung (VU) im Rahmen eines Erprobungs- und Entwicklungsvorhabens (E+E-Vorhaben): Animal-Aided Design – Einbeziehung von Tierbedürfnissen in die Planung und Gestaltung von Freiräumen

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